Diaspora-Perspektiven beim IMRF in New York

Diaspora-Perspektiven beim IMRF in New York

Diaspora auf der globalen Bühne

Das International Migration Review Forum (IMRF) bietet einen zentralen globalen Raum, in dem Staaten gemeinsam die Fortschritte bei der Umsetzung des Globalen Pakts für eine sichere, geordnete und reguläre Migration (GCM) bewerten. In einer Zeit, die von zunehmender politischer Polarisierung geprägt ist, bot das IMRF etwas, das immer seltener geworden ist: einen Raum für Dialog, Reflexion und eine gemeinsame Orientierung in der Gestaltung der Migrationspolitik.

Jenseits des zwischenstaatlichen Austauschs stellt sich jedoch eine zentrale Frage: Wie können diejenigen, die von Migrationspolitik am stärksten betroffen sind, sinnvoll in diese Gespräche einbezogen werden? Die Menschen, die der GCM schützen will – einschließlich der Migrant*innen selbst sowie ihrer transnationalen Gemeinschaften wie der Diaspora – sind in formellen Politikräumen oft noch unterrepräsentiert. Beim IMRF 2026 in New York wurde die deutsche Delegation daher von einer besonderen Teilnehmerin begleitet: Rania Kinfe, Vorsitzende der Ethiopian Diaspora Women’s Association (EDWA). Auf Einladung des BMZ trug sie dazu bei, Diaspora-Stimmen an den politischen Tisch zu bringen und bereicherte das Forum mit wertvollen Perspektiven aus der Diaspora und der Zivilgesellschaft.

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Rania Kinfe gibt ihren Input beim Multi-Stakeholder Hearing

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Rania Kinfe, Vorsitzende von EDWA

Ein wichtiges Thema, das sich aus den IMRF-Diskussionen herauskristallisierte, ist die wachsende Erkenntnis, dass Diaspora-Gemeinschaften nicht nur Beobachter von Migrationssystemen sind, sondern diese grenzüberschreitend aktiv mitgestalten. Während viele Staaten strukturierte Ansätze entwickeln, um Beiträge der Diaspora einzubeziehen, betonen Diaspora-Vertreter*innen durchgängig, dass Inklusion über formale Anerkennung hinausgehen muss. Als eine der wenigen Vertreter*innen der Diaspora-Zivilgesellschaft in einer nationalen Delegation verdeutlichten Ranias Beiträge zum IMRF besonders eindrücklich die Spannung zwischen gelebten Erfahrungen und politischen Rahmenbedingungen.

Das Forum gab mir eine Bühne, um Diaspora-Stimmen und die Zivilgesellschaft zu vertreten. Es wurde zu etwas viel Größerem als nur unserem äthiopischen Frauenverband.

Rania Kinfe

Ihre Teilnahme erstreckte sich über mehrere Formate, darunter Beiträge bei der Multi-Stakeholder-Anhörung und einer Roundtable-Diskussion zur Stärkung regulärer Migrationswege. Diese Räume ermöglichten den direkten Austausch mit politischen Entscheidungsträgern und nichtstaatlichen Akteuren. Rania nutzte die wachsende Sichtbarkeit der Diaspora, um die Notwendigkeit zu betonen, die Beteiligung der Diaspora in politischen Prozessen zu institutionalisieren und die Diaspora strukturell als sinnvollen Partner in der Migrationsgovernance einzubinden.

Ausgehend von EDWAs Arbeit mit Frauen und Diaspora-Netzwerken in afrikanischen Gemeinschaften machte Rania auf die zunehmenden Rückführungen aus europäischen Staaten sowie die damit verbundenen Herausforderungen einer würdevollen Rückkehr und nachhaltigen Reintegration aufmerksam. Sie betonte, dass Diaspora-Akteure, insbesondere Frauen, als gleichberechtigte Partner bei der Entwicklung von Lösungsansätzen anerkannt werden sollten. Zugleich sprach sie sich dafür aus, ihre Perspektiven und Erfahrungen systematisch in die Gestaltung migrationspolitischer Maßnahmen entlang des gesamten Migrationszyklus in Herkunfts-, Transit- und Zielländern einzubeziehen.

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Rania spricht über die Rolle des Diaspora-Engagements

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Ranias Redebeitrag bei einem Roundtable

Während ihrer Teilnahme am Forum hob Rania mehrere positive Entwicklungen in globalen Dialogformaten wie dem IMRF hervor. Sie zeigte sich ermutigt, dass Migration nicht als Problem, sondern als Bereicherung verstanden wurde und die sozioökonomischen sowie kulturellen Beiträge von Migrant*innen durch Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse untermauert wurden.

Besonders hervorzuheben sind Anzeichen für einen schrittweisen Perspektivwechsel: Diaspora-Akteure werden zunehmend als aktive Partner mit fachlicher Expertise, praktischem Wissen und eigener Gestaltungskraft anerkannt. Rania verwies auf vielversprechende Ansätze, bei denen Diaspora-Strukturen in institutionelle Rahmenwerke integriert wurden, beispielsweise durch den Ethiopian Diaspora Service (EDS) oder das Ghanaian Diaspora Affairs Office, Office of the President (DAOOP). Diese Strukturen arbeiten unter anderem mit der GIZ zusammen, um das Wissen, die Kompetenzen und die Beiträge der Diaspora gezielt in Entwicklungsprozesse einzubringen.

Darüber hinaus hat EDWA, das 2024 gegründet wurde, enge Beziehungen zu staatlichen und institutionellen Akteuren in Deutschland und Äthiopien aufgebaut und sich als Teil relevanter Kooperations- und Dialogstrukturen etabliert. 

Trotz dieses wachsenden Momentums sind Sichtbarkeit und stärkere Repräsentation in institutionellen Räumen bislang noch nicht in strukturelle Veränderungen übersetzt; die Diaspora-Beteiligung in globalen Foren wie dem IMRF bleibt weiterhin uneinheitlich und fragil. Rania beschrieb die Unterstützung der deutschen Delegation als „unglaublich“ und hob hervor, dass eine sinnvolle Einbindung dazu beitragen kann, Vertrauen, Handlungsspielräume und Wirkungsmöglichkeiten von Diaspora-Akteuren zu stärken. Gleichzeitig stellte sie fest, dass solche Ansätze bislang eher die Ausnahme als die Regel darstellen.  Deutschland und Kanada gehörten zu den wenigen Delegationen, die Vertreter*innen der Zivilgesellschaft einbezogen; ein Hinweis sowohl auf Fortschritte als auch auf das Fehlen konsistenter partizipativer Mechanismen über Staaten hinweg. Zudem konnten zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure und Stakeholder aufgrund von Visa-Beschränkungen und begrenzten Teilnahmekapazitäten nicht im Raum präsent sein. Aus ihrer Sicht bleibt dies hinter dem „Whole-of-Society“-Prinzip des Globalen Migrationspakts zurück und wirft wichtige Fragen zur Inklusivität der aktuellen Prozesse der Migrationsgovernance auf.

Die wachsende Bedeutung von Diaspora-Netzwerken und ihre zunehmende Zusammenarbeit mit staatlichen Partnern signalisieren wichtige Fortschritte. Rania beobachtete dennoch: „wir haben etwas Wichtiges aufgebaut, aber es fühlt sich noch fragil an." Die Herausforderung besteht nun darin, diese Entwicklung in tragfähige Strukturen zu überführen, die die Diaspora-Beteiligung langfristig tragen und vertiefen.

Ein wesentlicher Faktor für das Engagement der Diaspora beim IMRF war die Unterstützung durch das GIZ-Programm „Migration entwicklungspolitisch gestalten“ (MEG). MEG spielte eine wichtige Rolle dabei, Beteiligung zu ermöglichen, Wege für eine stärkere Übernahme von Verantwortung zu eröffnen und den Zugang zu politischen Dialogprozessen zu erleichtern. Für viele Beteiligte sind solche Unterstützungsstrukturen nicht lediglich organisatorische Hilfestellungen, sondern eine grundlegende Voraussetzung, um eine kontinuierliche und wirksame Beteiligung an Dialogräumen zu ermöglichen, die andernfalls nur schwer zugänglich wären.

MEG versteht beide Seiten, die Diaspora und die politische Landschaft. Es baut die Brücke zwischen ihnen. Ohne sie bleiben viele von uns zwischen zwei Welten.

Rania Kinfe

Die zukünftige Weiterentwicklung solcher Unterstützungsstrukturen bleibt ein wichtiger Bereich der Reflexion. Während die Diskussionen über die Zukunft von Diaspora-Programmen fortgeführt werden, wächst das Interesse daran, wie die durch Programme wie MEG geschaffenen Mechanismen zur Förderung von Diaspora-Engagement weiter gestärkt werden können.

Wie Rania hervorhob, ist die kontinuierliche Unterstützung entscheidend für den Aufbau von Sichtbarkeit, Netzwerken und langfristigem Engagement von Diaspora-Organisationen. Sie trägt dazu bei, die Erfahrungen und Realitäten aus den Gemeinschaften auf sinnvolle Weise mit politischen Prozessen zu verbinden. Die Pflege und Stärkung dieser Verbindungen wird entscheidend sein, um eine nachhaltige und wirkungsvolle Beteiligung der Diaspora langfristig zu sichern. 

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Der Saal der UN-Generalversammlung in New York

Das IMRF verdeutlicht, wie stark globale Migrationsgovernance von Räumen abhängt, in denen internationaler Dialog möglich ist und vielfältige Perspektiven Gehör finden. Wie Ranias Erfahrung zeigt, bewirkt die Teilnahme an solchen Foren mehr als nur das Öffnen von Türen: Sie ermöglicht, dass gelebte Erfahrungen in politische Prozesse einfließen, verleiht unterrepräsentierten Stimmen Glaubwürdigkeit und stärkt die Legitimität der Migrationsgovernance selbst.

Die anstehende Herausforderung besteht jedoch darin, diese wachsende Dynamik in dauerhafte institutionelle Praxis zu überführen. Ohne diesen Wandel besteht die Gefahr, dass Teilhabe eine Ausnahme bleibt, anstatt zu einem festen Bestandteil der Migrationsgovernance zu werden. Dadurch würde eine wichtige Perspektive verloren gehen, die Diaspora-Akteure in politische Prozesse einbringen können. Erfahrungen von Diaspora-Akteuren wie Rania zeigen, welches Potenzial entsteht, wenn diese Brücken geschaffen werden. Nun gilt es sicherzustellen, dass diese Verbindungen nicht länger von einzelnen, kurzfristigen Initiativen abhängen, sondern dauerhaft in die Gestaltung globaler Migrationsgovernance integriert werden.