Der Krieg in der Ukraine verursacht tiefe psychische Wunden. Gemeinsam mit einer ukrainischen Partnerorganisation nutzt die Diaspora-Organisation Vitsche Kunsttherapie, um Menschen bei der Verarbeitung von Traumata zu unterstützen und ihre Resilienz wiederzugewinnen. 

Steckbrief

  • Name der Organisation:

    Vitsche e.V.

  • Partnerland:

    Ukraine

  • Hauptsitz der Organisation:

    Berlin

  • Webseite:

    vitsche.org/de

  • Förderzeitraum:

    2024-2025

  • Fördersumme:

    EUR 43.949,40

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Seit Beginn der russischen Invasion steht die Ukraine vor einer wachsenden Krise im Bereich der psychischen Gesundheit. Rund 65 Prozent der Bevölkerung leiden unter starken Angstzuständen, und die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen psychiatrischer Erkrankungen ist stark gestiegen. Vertreibung, Verluste und ständige Unsicherheit haben bei vielen Menschen zu großen Schwierigkeiten geführt, mit der Situation umzugehen und inmitten des anhaltenden Krieges Stabilität zu finden.  

Gleichzeitig ist der Zugang zu Psychotherapie weiterhin eingeschränkt. Es herrscht ein chronischer Mangel an Fachkräften im Bereich psychischer Gesundheit und Vorurteile halten viele davon ab, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Für manche ist Therapie mit Stigmatisierung verbunden, für andere ist es unerträglich, über Traumata zu sprechen. 

Die in Berlin ansässige Diaspora-Organisation Vitsche e.V. und ihre ukrainische Partnerorganisation sehen in der Kunsttherapie eine wertvolle Alternative zur klassischen Psychotherapie und heben dabei zwei zentrale Vorteile hervor. Erstens ermöglicht sie den Teilnehmenden, Traumata durch kreatives Gestalten zu verarbeiten, ohne schmerzhafte Erlebnisse verbal ausdrücken zu müssen. Zweitens erleichtert sie den Zugang, da sie oft als weniger stigmatisierend und zugänglicher wahrgenommen wird als klassische Therapieformen. 

Kunsttherapie nutzt kreative Prozesse wie Malen, Bewegung oder Bildhauerei, um Menschen zu helfen, Gefühle auszudrücken und Stress zu regulieren. Für diejenigen, die Schwierigkeiten haben, ihre Schmerzen in Worte zu fassen, kann das Schaffen von etwas Greifbarem ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrolle zurückgeben. 

Aufbauend auf diesem Ansatz ging Vitsche eine Partnerschaft mit einer ukrainischen NGO ein, die auf darstellende Kunst spezialisiert ist, und hat das Projekt „Kunsttherapie für Resilienz und Heilung" ins Leben gerufen. Nach der Invasion hatte die Organisation ihre Kulturfestivals bereits in intensive Kunstresidenzen umgewandelt. Mit der Unterstützung von Vitsche wurde dieses Konzept zu einem professionellen Kunsttherapie-Ausbildungsprogramm weiterentwickelt. 

Eine zehntägige Residenz wurde auf dem ukrainischen Land organisiert, die Künstler*innen, Kunsttherapeuten*innen und Fachkräfte aus dem Bereich psychischer Gesundheit zusammenbrachte. Da qualifizierte Ausbilder*innen in der Ukraine selten sind, ermöglichte Vitsche die Zusammenarbeit mit zwei deutschen Universitäten, deren Fakultätsmitglieder als Dozent*innen an der Residenz teilnahmen. 

Das Interesse am Programm war überwältigend. Insgesamt gingen 254 Bewerbungen aus der ganzen Ukraine ein, fast 17 pro verfügbaren Platz. Letztendlich wurden 15 Teilnehmende ausgewählt: Expert*innen auf den Gebieten Psychologie, Kunsttherapie, Kunst, Sozialpädagogie und Sozialarbeit. Sie wurden von zehn erfahrenen Dozent*innen aus der Ukraine und Deutschland in einem intensiven Programm geschult, das Theorie und praktische Anwendung miteinander kombinierte. 

Die Teilnehmenden lernten, Patient*innen durch kreative Prozesse anzuleiten, wie etwa das Formen von Tonobjekten, die einen „sicheren Ort" darstellen. Diese Techniken ermöglichen es Patient*innen, Traumata indirekt zu verarbeiten und gleichzeitig die emotionale Regulation und persönliche Resilienz zu stärken. Ein Teilnehmer der Residenz bemerkte, dass die Arbeit mit Ton besonders gut von Männern angenommen wurde, die sich zuvor gegen Zeichnen oder Malen gesträubt hatten.  

Die Residenz wurde mit einem Multiplikatoreffekt konzipiert. Die große Mehrheit der Teilnehmer*innen wendet die Techniken inzwischen regelmäßig in ihrer beruflichen Praxis an. Gemeinsam haben sie bereits mehr als 540 indirekte Begünstigte erreicht, darunter Binnenvertriebene, Kinder, Veteranen, Jugendliche und vom Krieg betroffene Zivilisten. 

Aufbauend auf diesem Erfolg sichert sich die ukrainische Partnerorganisation nun eigenständig zusätzliche Fördergelder, um Kunsttherapie-Residenzen auszuweiten und kleinere Programme in zentralen und frontnahen Regionen zu organisieren, wo der psychosoziale Bedarf besonders akut ist. 

Drei Vorträge wurden zudem auf den YouTube-, Instagram-, und Facebook-Kanälen/-Seiten der Partnerorganisation veröffentlicht, um einem breiteren Publikum Zugang zu einem Teil der im Rahmen der Residenz vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten zu ermöglichen. Dabei handelte es sich um die Vorträge Wie arbeitet man mit einer traumatisierten Gesellschaft? Heilung durch Kunst, Mechanismen von Verletzung: die 5 F – Fight, Flight, Fawn, Freeze, Flop sowie Der Einsatz von Kunsttherapie in Gemeinschaften, die alle auf Ukrainisch gehalten wurden. 

Weitere Informationen zu den Angeboten für die ukrainische Diaspora finden Sie unten.